Zwei Fliegenpilze stehen zwischen braunem Laub im Wald.

Toxic Positivity: Wenn gute Laune gefährlich wird


„Kopf hoch, das wird schon wieder!“
„Sei doch ein bisschen dankbarer für das, was du hast!“
„Ein Schaumbad und eine Gesichtspackung und dann sieht die Welt schon wieder ganz anders aus.“
„Lach doch mal!“

Falls sich beim Lesen dieser Sätze ein mulmiges Gefühl in dir breitgemacht hat, kann ich nur sagen: zu Recht. Was sich erstmal nett anhört, sind Symptome eines leider weit verbreiteten Phänomens. Toxische Positivität (engl. Toxic Positivity) greift derzeit nicht nur online um sich. Auch auf den Straßen ist sie mir schon häufig begegnet – auf einschlägigen Ladenschildern, als Postkartensprüche oder auch in gut gemeinten Gesprächsfetzen: Du hast gerade eine schlimme Trennung hinter dir? Hier, kauf eine Badekugel! Dir wurde für einen tollen Job abgesagt? Manifestation ist der Schlüssel zur Verwirklichung deiner Träume! Du leidest unter Depressionen? Also wenn ich einen schlechten Tag habe, hilft mir Lach-Yoga echt immer!

Toxic Positivity – Was ist das eigentlich?

Sobald ich irgendwo den Spruch aller Sprüche „Good vibes only“ lese, rollen meine Augen automatisch zur Zimmerdecke (oder zum Himmel) und wieder nach unten. Mit diesen Aussagen und Ratschlägen wird uns suggeriert, dass wir immer glücklich sein und am besten mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht durchs Leben gehen sollen. Jeden. Verdammten. Tag. Außerdem gibt es in dieser glitzernden Welt in jedem negativen Ereignis etwas Positives rauzuziehen. Wir müssen es nur finden. Tun wir das nicht, ist irgendwas verkehrt mit uns und wir müssen daran arbeiten. Oder etwas kaufen.

Das Problem an der Sache

Gute Laune zu haben, ist per se ja nichts Schlechtes. Es fühlt sich sogar richtig gut an, von Endorphinen durchströmt zu werden. Problematisch ist es aber, wenn wir dieses Gefühl erzwingen wollen. Wenn es uns eigentlich nicht gut geht, wir das aber lieber unter den Teppich kehren und fröhlich sein wollen – weil das nun mal erwartet wird.

Das Ding ist: Kein Mensch dieser Welt kann immer nur glücklich sein. Vermeintlich negative Emotionen wie Wut, Trauer und Enttäuschung gehören genauso zum Leben dazu und sollten auch unbedingt gefühlt werden. Das heißt nicht, dass wir jetzt alle in Selbstmitleid baden sollen. Es ist aber wichtig, anzuerkennen, wenn es uns nicht gut geht. Das ist auch nötig, denn wenn es ein zugrundeliegendes Problem gibt, kann man dieses erst angehen, wenn die Ursache gefunden ist. Und wenn man die entsprechende Emotion vorher mit gelber Gute-Laune-Wandfarbe überstrichen hat, kann man da lange suchen.

Unterdrückte Gefühle sind ein riesiges Problem. Die sind nämlich nicht einfach weg, sondern sammeln sich versteckt in uns an. Irgendwann entwickeln sie sich zu einer Art brodelndem Vulkan, der plötzlich ohne Vorwarnung ausbricht. Diese Wucht bekommen dann meistens die Menschen ab, die gar nichts damit zu tun haben und die uns am nächsten stehen (weil die halt einfach da sind). Dann bekommt die Partnerin den Frust über den Chef ab, der Bruder die Wut über das Mobbing auf dem Schulhof oder die Kinder den Ärger über die Freundin, die nie zuhört. Wer immer nur Gefühle runterschluckt, kann sogar körperlich krank werden.

Wer profitiert von Toxic Positivity?

Es hat sich inzwischen eine ganze Industrie um Kalendersprüche entwickelt. Sie finden sich auf Postkarten, Tassen, Frühstücksbrettchen, Autoaufklebern, T-Shirts und generell allem, was man irgendwie bedrucken kann. Aber es geht noch weiter. Die oben erwähnten Badekugeln sind nur die Spitze des Eisbergs.

Das Internet quillt über vor selbst ernannten Life Coaches, die dich in eine bessere Version deiner selbst verwandeln wollen. (Der Begriff „Life Coach“ ist übrigens nicht rechtlich geschützt. Man braucht theoretisch nicht mal eine Ausbildung, um sich so nennen zu dürfen. Das lass ich jetzt einfach mal so stehen.)

Und dann ist da natürlich noch die Wellness- und Kosmetikindustrie, die dich mit Selfcare-Pflegeserien, Duftkerzen und Wellnessurlauben strahlender, schöner und damit natürlich auch glücklicher und zufriedener macht. Ich geb’s zu: Ich liebe das Gefühl, wenn meine Friseurin mir die Haare wäscht oder ich bei der Massage mal so richtig entspannen kann. Aber die versprechen mir halt auch nicht, dass mein Leben dadurch plötzlich besser wird.

Es gibt also eine ganze Reihe an Leuten, denen daran gelegen ist, dass wir unsere Emotionen übertünchen und zu Happy Hippos werden wollen. Im Zweifel könnten wir ruckzuck unser ganzes Geld zum Fenster rausschmeißen. Es gibt aber noch ein weiteres Problem.

Wann Toxic Positivity gefährlich wird

Content-Warnung: psychische Erkrankungen, Suizid

Wenn das Wort „toxisch“ im Namen steckt, verheißt das nichts Gutes. In diesem Fall kann es sogar lebensbedrohlich werden. Nämlich dann, wenn psychische Erkrankungen ins Spiel kommen. Und hier weiß ich, als Betroffene, gar nicht so richtig, wo ich anfangen soll. Vielleicht mit einem Beispiel:

Vor einiger Zeit habe ich in einem Gespräch erwähnt, dass es mir nicht gut geht und ich mit meiner Ärztin mal über Depressionen sprechen möchte. Mein Gegenüber reagierte extrem überrascht. Ich wirke doch eigentlich immer ganz gut gelaunt. Ob ich es mal mit Meditation versucht habe. Hilfe oder Medikamente würde ich doch sicherlich nicht brauchen. Was bei mir ankam: Mir geht es schlecht, aber definitiv nicht schlecht genug. Oder geht es mir gar nicht schlecht und ich bilde mir das nur ein? Es liegt allein in meiner Hand, dass es mir wieder besser geht. Ich muss mich mal ein bisschen zusammenreißen, schließlich ist das mein Problem.

Mittlerweile hat mir meine Hausärztin die Depression diagnostiziert. Mich hat es da noch vergleichsweise gut getroffen: Ich habe ein liebevolles Umfeld, das mich unterstützt, Termine bei einer Fachärztin und einer Therapeutin und keine Suizidgedanken. Aber es gibt Menschen, bei denen das ganz anders aussieht und die vergeblich auf einen Therapieplatz warten. Ich glaube, ich brauche nicht weiter auszuführen, was Sätze wie die oben erwähnten bei ihnen auslösen könnten. Sobald wir mit psychischen Erkrankungen zu tun haben, in welcher Form und Ausprägung auch immer, wird Toxic Positivity beschissen gefährlich.

Versteh mich nicht falsch, ich liebe Meditation, Bewegung und Achtsamkeitsübungen, sonst würde ich das hier nicht machen. Aber das alles hat seine Grenzen und die gilt es anzuerkennen. Krankheiten lassen sich nicht wegtanzen, -baden oder -meditieren. Punkt.

Wenn du das Gefühl hast, an einer psychischen Erkrankung zu leiden, wende dich bitte an deine/n Hausärzt*in. Anlaufstellen wie die Telefonseelsorge bieten außerdem telefonische Soforthilfe. Du musst da nicht alleine durch.

Toxische Positivität vermeiden

Es ist leider schnell mal passiert, dass wir selbst in die toxische Schiene abrutschen. Das liegt daran, dass der Mist (pardon) inzwischen gesellschaftlich extrem gut aufgenommen ist. Passt schließlich auch gut zur kapitalistischen Leistungsmentalität, aber das ist nochmal eine andere Geschichte. Was können wir also tun?

Wenn uns jemand erzählt, dass es ihm/ihr gerade nicht gut geht und wir mit den am Anfang dieses Artikels erwähnten Sätzen darauf reagieren, tun wir unbewusst etwas, was vermutlich niemand von uns möchte: Wir sprechen der anderen Person ihre Gefühle ab. (Ja, lies das ruhig nochmal.) Auch ich habe das schon gemacht, obwohl es wirklich das Allerletzte war, was ich in der Situation wollte. Eigene Erfahrungsberichte á la „Also mir hat ja das und das geholfen“, sind ebenfalls nicht hilfreich. Sie verschieben den Fokus weg von der Person, die gerade Hilfe benötigt. Und: Nur weil etwas für einen selbst funktioniert, macht es das noch lange nicht zur allgemeinen Gesetzmäßigkeit.

Auch wenn es schräg klingt: Sätze wie „Oh man, das ist echt beschissen.“, „Das klingt verdammt anstrengend…“, etc. sind oft die bessere Wahl. Damit erkennen wir erst einmal die Gefühle der anderen Person an. „Magst du mehr darüber erzählen?“ oder „Wie kann ich dich unterstützen?“, zeigen außerdem echtes Interesse und Hilfsbereitschaft.

Und aus der anderen Perspektive:

Auch wenn es schwer fällt, versuche dich daran zu erinnern, dass alle Gefühle ihre Daseinsberechtigung haben. Wenn möglich, heul die Trauer raus und brüll die Wut in ein Kissen. Wenn dir der Stress nach einem unangenehmen Gespräch im Nacken sitzt, hilft Bewegung, dabei, die entsprechenden Hormone im Körper abzubauen. Hol dir Hilfe, wenn du sie brauchst. Das kann eine Vertrauensperson sein oder medizinisches Fachpersonal. Und: Hör lieber auf dich und deine Bedürfnisse, statt auf die altkluge Postkarte.

Lasst uns versuchen, Gefühle zu normalisieren und einander wieder richtig zuhören, ja?