Wenn Social Media nicht mehr guttut. Eine Hand hält ein Smartphone mit geöffneter Kamera-App am Strand. Im Display sieht man einen Ausschnitt des Sonnenuntergangs am Meer.

Wenn Social Media nicht mehr guttut

Wir kennen es vermutlich alle: dieses Gefühl, ständig und überall verfügbar und gleichzeitig immer auf dem neuesten Stand sein zu müssen. Es gab Zeiten, in denen ich das Gefühl hatte, dass Social Media, insbesondere Instagram, mein Leben bestimmt. Wenn ich an einem schönen Ort war, musste der fotografisch festgehalten werden noch bevor ich überhaupt Gelegenheit hatte, ihn für mich richtig wahrzunehmen. Teilweise konnte ich Erlebnisse gar nicht richtig genießen, weil ich währenddessen überlegte, wie ich die Situation ablichten konnte und davon wie oft ich vor kalt gewordenem Essen saß, weil es ewig dauerte, den richtigen Winkel zu finden, fange ich gar nicht erst an.

Und dann ist das Thema mit dem Posten der Fotos ja noch nicht abgehakt, tatsächlich geht der ganze Stress mit dem Klick auf „Teilen“ erst so richtig los. Wie viele Leute haben den Post schon gesehen? Warum hat der nur so wenig Likes? Hätte ich andere Hashtags verwenden müssen? Und wieso schreibt niemand was, obwohl ich doch eine Frage gestellt habe? Alle paar Minuten liegt das Handy in der Hand, wird die App aufgerufen, werden Zahlen geprüft und daran dann nicht nur der Wert von Text und Bild, sondern auch von mir als Person festgemacht.

Der Mensch ist ein soziales Wesen

Ich muss das nicht tun, mein Leben hängt nicht davon ab, wie viele Likes und Kommentare meine Posts bekommen. Und trotzdem fängt mein Körper irgendwann an zu glauben, dass genau das der Fall ist und verfällt in den Stressmodus.
Der Mensch war schon immer ein soziales Wesen und das ergibt, wenn wir in der Evolution mal ein gutes Stück zurückgehen,  auch total Sinn. In Gruppen konnten sich unsere Vorfahren gegenseitig beschützen und füreinander versorgen, wer alleine war, hat meist nicht sonderlich lange überlebt. Das Gefühl, dazugehören zu wollen, ist also ein natürlicher Überlebensinstinkt, den wir schon immer in uns tragen. Nun gibt es in unserer westlichen Welt ja zum Glück keine Säbelzahntiger und um die Nahrungsbeschaffung und Krankenversorgung müssen wir uns auch deutlicher weniger Gedanken machen als unsere Vorfahren. Der Instinkt ist trotzdem geblieben und findet sich in unserer modernen Welt leider noch nicht ganz so gut zurecht.

Wenn wir also etwas in die große weite Welt des Internets hinausschicken und kaum bis keine Reaktion darauf kommt, meldet sich, wenn dem zu viel Bedeutung beimessen, dieser Zugehörigkeits-Überlebensinstinkt und schlägt Alarm, indem er den Körper in einen Stresszustand versetzt. „Sieh zu, dass du unter Leute kommst, sonst kann ich nicht für deine Sicherheit garantieren!“, brüllt er dann und sorgt dafür, dass unsere Atmung flacher und unser Herzschlag schneller werden. Das zieht nicht nur unfassbar viel Energie und sorgt für Unwohlsein, sondern kann auf Dauer sogar krank machen. Nicht ohne Grund leiden so viele Menschen, die in der Online-Welt arbeiten unter Burnout.

Die Leben der anderen oder: wenn Social Media anfängt, weh zu tun

Das ist aber noch nicht alles, was die schillernde Welt von Social Media so anstrengend und zum Teil auch gefährlich macht. Da sind noch die ewigen Vergleiche, die wir ziehen, wenn wir Fotos von katalogreifen, penibel aufgeräumten Wohnungen, durchtrainierten Körpern, aufwändig angerichtetem Essen oder glücklichen Menschen am Pool oder im Camper anschauen. Das eigene Leben erscheint dann schnell unzureichend, langweilig und ganz allgemein irgendwie echt bescheiden. Naja und wo das auf lange Sicht hinführt, ist abzusehen: in eine nagende Unzufriedenheit mit dem eigenen Leben.

„Man will nicht nur glücklich sein, sondern glücklicher als die anderen.
Und das ist deshalb so schwer, weil wir die anderen für glücklicher halten, als sie sind.“

Baron de Montesquieu, französischer Philosoph (1689-1755)

Versteh mich bitte nicht falsch, es ist total in Ordnung und kann auch extrem beflügelnd sein, sich von anderen Menschen inspirieren zu lassen, wenn man selbst bestimmte Ziele verfolgt. Sich jedoch mit den Bildern auf sozialen Medien zu vergleichen, die ja immer nur ein Bruchteil der Realität (sofern nicht komplett inszeniert und gestellt) sind. Alles, was sonst so im Leben dieser Menschen vorgeht, bekommen wir als Betrachtende überhaupt nicht mit, denn ja, auch diese Leute streiten mit ihren Liebsten, vergessen ihre Steuererklärung und müssen mal aufs Klo. Also: Inspiration bei anderen holen und diese an die eigenen Lebensumstände anpassen: ja, auf jeden Fall! Das, was online präsentiert wird, eins zu eins mit dem Alltag vergleichen: bitte nicht!

Ein Shitstorm jagt den nächsten

Und dann ist da noch dieses Phänomen, das sich mit den Jahren immer weiter entwickelt und jetzt in Pandemiezeiten einen neuen Höhepunkt erreicht zu haben scheint. Vielleicht hast du das auch schon mal unter einem Post gesehen: Person XY mit größerer Reichweite äußert ihre Meinung zu einem bestimmten Thema (und mittlerweile ist es echt egal, wie banal es ist) und plötzlich finden sich in den Kommentaren Menschen, die diese Person aufs Übelste beleidigen und ihr ihre Meinung absprechen wollen.

Natürlich ist Kritik wichtig, aber sie sollte immer konstruktiv sein, denn wie soll man sonst daraus lernen? Stattdessen finde ich aber immer wieder Kommentare, die unter die Gürtellinie gehen und scheinbar nur dafür geschrieben wurden, um andere zu verletzen und die eigene Langeweile zu vertreiben.

Diese Entwicklung nervt mich dermaßen, dass ich mir mal wieder eine Instagram-Pause gönnen musste. Nicht dass ich solche Kommentare bekommen hätte, aber alleine sie bei anderen zu lesen, macht mich wütend und traurig und führt dazu, dass ich langsam aber sicher an der Menschheit zu zweifeln beginne. Zumindest an einem Teil davon.

Wenn Social Media anfängt, weh zu tun. Hände halten ein Smartphone, im Vordergrund steht eine Kafeetasse.

Abstand nehmen

Ich habe also meinen Account eine ganze Weile lang links liegen gelassen und ich kann dir sagen: das tat so unfassbar gut, dass ich das sicher nicht zum letzten Mal gemacht habe. Bis es soweit ist, versuche ich insgesamt achtsamer mit Social Media umzugehen. Das beinhaltet für mich folgende fünf „Gebote“:

Bewusst wahrnehmen, wenn ich Zeit vertrödele

Der Klick aufs Instagram Icon ist bei mir inzwischen zu einem Automatismus geworden. Wenn mir langweilig ist, ich auf die Bahn warte oder schlicht und einfach nicht weiß, was ich sonst mit meinen Händen anstellen soll, öffne ich die App und fange an zu scrollen. In diesen Momenten hilft es ungemein, sich bewusst darüber zu werden, dass hier mal wieder der Autopilot abläuft und stattdessen eine alternative Beschäftigung zu finden. Und das können ganz banale Dinge sein wie Menschen (auf Bahnsteigen auch gerne Tauben) beobachten, etwas lesen, einfach mal in die Gegend schauen, … Das ist im ersten Moment komisch, weil wir es nicht gewohnt sind (und weil alle anderen auch meist in ihre Smartphones vertieft sind), aber der Mensch ist ja bekanntlich ein Gewohnheitstier. Je öfter du nicht aufs Handy schaust, desto normaler wird es irgendwann, Introvert-Ehrenwort!

Nicht morgens direkt als erstes zum Handy greifen

Ich muss gestehen, dass ich hieran noch arbeite und dass mir das noch nicht so leicht fällt. Wenn ich morgens direkt am Handy hänge, bin ich von Anfang an im Reaktionsmodus. Ich reagiere auf Bilder, Texte, Nachrichten noch bevor ich überhaupt richtig im Tag angekommen bin. Das ist ziemlich blöd, denn dann beginnt der Morgen direkt schon unbefriedigend. Besser: Einen Wecker zulegen, das Handy abends gar nicht mit ins Bett nehmen und morgens statt mit Social Media mit einer entspannten Routine in den Tag starten.

Soziale Kontakte im persönlichen Umfeld pflegen

Durch die Pandemie haben sich viele Kontakte und Beziehungen in die Online-Welt verlagert und das ist auch per se erstmal nichts Schlechtes. Schwierig wird es, wenn wir Bestätigung bei Menschen suchen, die wir überhaupt nicht kennen und uns von ihren Likes und Kommentaren abhängig machen. Was wirklich ein gutes Gefühl bringt, sind „echte“ Kontakte zu Menschen, die einem selbst guttun. Und dabei ist es egal, ob man die über WhatsApp, Zoom oder bei einem persönlichen Treffen pflegt. Wobei letzteres sich natürlich immer am besten anfühlt – allein schon wegen der Möglichkeit, sich gegenseitig in die Arme zu schließen.

Mehr Zeit draußen verbringen und „das Leben vor Ort“ wahrnehmen

Das geht ein bisschen mit dem vorherigen Punkt einher, meint aber auch unsere Umgebung mit. Oft sehen wir nämlich gar nicht mehr, wie schön es da, wo wir gerade sind, eigentlich ist. Die Fotos von Stränden, Pools und fancy Hotels sind ja schön und gut, aber wie cool sind bitte ein Wald im Herbst, die flauschige Kuscheldecke auf dem Sofa, das Lieblingscafé um die Ecke oder die Verkäuferin im Supermarkt, die immer so freundlich lächelt? Es gibt so viele magische Momente im Alltäglichen, sobald wir unseren Blick einmal dafür geschärft haben.

Das feiern, was ich bereits erreicht habe

Ich weiß gar nicht, wie oft ich mich unzureichend gefühlt habe, weil Menschen, die teilweise fünf Jahre jünger als ich sind, eine eigene Firma gegründet, eine Wohnung gekauft oder einen eigenen Laden eröffnet haben. Manchmal frage ich mich immer noch, warum ich nicht schon „weiter“ bin.  Das Ding ist: Jede*r hat im Leben andere Ziele, andere Dinge zu verarbeiten und ein anderes Tempo drauf. Während manche Leute sich ein Unternehmen aufgebaut haben, habe ich eben alten Kram aus meiner Vergangenheit aufgearbeitet oder einfach nur das Leben genossen. Und das war gut so, ich möchte diese Zeiten auf keinen Fall missen. Also: Ja, manchmal hätte ich ambitionierter sein können, aber dann hätte ich gleichzeitig so viel verpasst, was mir heute wichtig ist. Manchmal tut es gut, einen Schritt zurückzutreten, das eigene Leben einmal Revue passieren zu lassen und einfach mal stolz auf das zu sein, was ich bisher gerockt habe und wer ich geworden bin.

Wenn Social Media nicht mehr guttut. Eine Hand hält in einem Arbeitszimmer ein Smartphone in die Höhe. Auf dem Bildschirm werden verschiedene Twitter-Notifications angezeigt.

Ich setze nicht alle diese Punkte jeden Tag zu hundert Prozent um – wie gesagt, mit Punkt zwei muss ich erst noch warm werden. Aber sie helfen mir dabei, in diesem ganzen Social Media-Höherschnellerweiter nicht die Nerven zu verlieren. Oder mich selbst.

Außerdem ist es mir wichtig, zu sagen, dass ich Social Media hier nicht per se verteufeln möchte, schließlich habe ich meine beste Freundin nur dank Instagram überhaupt kennengelernt und die sozialen Medien bieten heutzutage mehr denn je die Möglichkeit, sich mit Gleichgesinnten zusammenzutun, Freundschaften und Bekanntschaften zu pflegen und Kontakt zu lieben Menschen zu halten. Trotzdem denke ich, dass es vielen von uns guttun würde, die eigene Bildschirmzeit sehr viel bewusster wahrzunehmen und in der Folge (drastisch) zu reduzieren, wenn man erkennt, dass einfach ziellos aus Langeweile gescrollt und sich mit anderen verglichen wird.

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